1.12.2011, Neue Züricher Zeitung
Die Architektur des Lebens

Iannis Xenakis und die Biennale für neue Musik «cresc . . .» in Frankfurt und Darmstadt
[...]

Tatsächlich gelang eine Xenakis-Hommage, die viele weitere Aspekte berührte und mitunter ungeahnte Brücken schlug – musikalisch wie bei einem Symposion.

Musik war zu erleben, die sich im Widerspiel von Konstruktion und Destruktion nach Harmonie sehnt. Deswegen war es sinnstiftend, dass das Jack Quartet das Streichquartett «Tetras» von 1983 mit dem vierten Quartett von Giacinto Scelsi konfrontierte.

Ähnlich wie Xenakis strebte auch Scelsi in vielen seiner Werke nach einer musikalischen Umsetzung des Goldenen Schnitts, um vollendete Proportionen zu erreichen. Eine weitere Brücke wurde zum zweiten Streichquartett von György Ligeti geschlagen, das ebenfalls Glissando-Strukturen kennt – allerdings im luzid-fragilen Piano. Im Streichquartett «Tetora» von 1990 offenbarte sich schliesslich, dass Xenakis' Instrumentalmusik dann zu schwächeln begann, als er sich von seinen früheren Techniken entfernte; im Vergleich zum abstrakteren «Tetras» wirkt der Ausdruck in diesem Werk jedenfalls etwas steril und emotionslos.

Sonst aber wurde musikalisch vorab das Motto der Biennale reflektiert. Ausgehend von «Terretektorh» von Xenakis für 88 im Publikum verteilte Musiker, präsentierten die Gastgeber unter der Leitung von Matthias Pintscher, Lucas Vis und Paul Fitzsimon ähnlich ganzheitliche Raummusiken. Doch während bei Karlheinz Stockhausens «Gruppen» von 1955/57 drei selbständige Orchester das Publikum umgeben, wanderte in Anthony Cheungs Uraufführung «Fog Mobiles» für Solo-Horn und Orchester der Hornist im Raum.

Grosse Zukunft
Dagegen reflektierten Vito Žuraj und Shen-Ying Qian in ihren Uraufführungen «Changeover» und «Padma» für Instrumentengruppen und Orchester Xenakis' «Alax» von 1985: Bei Xenakis können drei Ensembles räumlich gestaffelt oder nebeneinander aufgestellt werden. So ist eine Biennale herausgekommen, der man bei gleichbleibender Qualität und programmatischer Stringenz eine grosse Zukunft voraussagen darf. Das gilt gerade auch für die Orchesterkooperation in einer Stadt, die in dieser Form Massstäbe setzt. 2013 steht das Thema «Film» im Zentrum, wobei mit der Alten Oper ein dritter Partner hinzutreten soll.
Marco Frei

• • •

30.11.2011, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Hinter jeder Planung lockt das Chaos

Crescendissimo: Frankfurter und Darmstädter Institutionen rufen eine Biennale für neue Musik ins Leben
[...]

Die Mischung aus Planung und Donnerschlag faszinierte nun bei der lange fälligen ersten Biennale neuer Musik mit dem Titel "cresc . . .", die der Hessische Rundfunk, das Ensemble Modern, die Frankfurter Musikhochschule und die Darmstädter Ferienkurse gemeinsam veranstalten. Nicht zufällig klingt der Name des "cresc . . ."-Festivals, die im Notensatz gebräuchliche Abkürzung für "crescendo", auch wie "crash": eine Anspielung auf das aggressiv-aufwühlende Potential mancher Kunst.

"Musik im Raum" ist nicht erst seit dem späten Nono fast zur Formel für eine spatiale musikalische Aura geworden. Natürlich bedürfen Töne stets des Raums, werden selbst im Freien durch Richtung, Wind, Hall und Widerhall bestimmt. Doch mit Natur oder Mystizismus haben die "cresc . . ."- Veranstalter nichts im Sinn, eher mit konkreten Konstellationen. Entsprechend sensationell war das Konzert in der Darmstädter Sporthalle mit gleich zwei Inkunabeln von Musik im Raum, die, im Konzertsaal schon einzeln rar genug, als Doppel so bald sicher kaum mehr zu erleben sein werden. In "Terretektorh" von Xenakis aus dem Jahr 1966 sitzt das Publikum verteilt unter den Orchestermusikern, die zudem Holzschlaginstrumente und Pfeifen spielen, gellende Akzentraster zünden. Überdies lässt das Orchester Klangmassen kreisen, mitunter gegenläufig. Xenakis selbst nannte seine Komposition ein "Sonotron", einen Beschleuniger von Klangpartikeln. Der tönende Mahlstrom suggeriert, die Musik aus dem Innersten zu erleben: ein Erweckungserlebnis.

Stockhausens "Gruppen" von 1957 für drei selbständige Orchester, jedes unter einem Dirigenten, wirkt da als fast klassische Multiperspektivik immer noch mobilisierend. Hier, wie auch in Stockhausens "Carré" für vier Orchester und Chöre sorgten das HR-Sinfonieorchester und das Ensemble Modern unter Matthias Pintscher für die nötige Raum-Suggestion.

Weniger spektakulär, aber doch subtil in den atmosphärischen Nah-fern-Relationen, klangen die "Fog Mobiles" von Anthony Cheung. Den paramusiktheatralischen Clou brachte Thierry de Meys "Musique de Tables": Drei Ensemble-Modern-Spielerinnen sitzen an Tischen nebeneinander, schlagen und reiben unabhängig nach komplexen "patterns" auf Holzplatten. Dabei agieren die Hände zusätzlich choreographisch-solistisch, so dass Klang und Aktion animierend untrennbar sind: Hören und Sehen fallen in eins.

Xenakis' "Alax" von 1985 war das Hauptwerk im Eröffnungskonzert unter Johannes Kalitzke: Drei Kammerensembles, gleich besetzt, agieren im Dreieck, lassen die Klänge wandern. Glissandi sind für Xenakis auch hier noch prägend, die Buntheit manch eher homophoner Repetitionen lässt an seinen Lehrer Messiaen denken. Die haptische Intensität von Xenakis' Musik packt immer aufs Neue. Demgegenüber hält Elliott Carters "Symphony for three Orchestras" von 1976 die ideale Mitte zwischen Wiener Schule und Boulez. Zwei jüngere Komponisten, Vito Zuraj und Qian Shen-Ying, holten mit ihren Tennis- und Ostasien-Assoziationen frische Impulse in die Raumklang-Sphäre.

Zwar war Xenakis, allerdings ohne die Lautsprechermusik, Zentralfigur des dreitägigen Festivals, doch blieb das Programm keineswegs auf ihn beschränkt. So brachte das Ensemble Modern unter Kalitzke sechs recht unterschiedliche "Musik und Raum"-Novitäten zwischen Struktur-Immanenz, Repetitionselan und Post-Dada zu Gehör.

Jazz und Videoaktion kamen nicht zu kurz. Und eine Ausstellung über den Architekten und Komponisten Xenakis wurde ergänzt durch ein zweitägiges Symposion. Diskutiert wurde, auf welche Weise in seinem Komponieren mathematische Strukturen wie Computerprozesse mit bruitistischen Ergebnissen und manchmal schier berserkerhaftem Aktionismus korrelieren. Die neue Biennale "cresc. . ." ist - das lässt sich schon jetzt feststellen - ein Leuchtturm positiver Synergieeffekte.
Gerhard R. Koch

• • •

28.11.2011, Frankfurter Neue Presse
Auch Klassiker brauchen die Improvisation

Das neue Frankfurter Festival "cresc." stellte beim HR und im LAB zur Eröffnung zeitgenössische Musik vor.
Die Abkürzung "cresc." steht für "crescendo", bedeutet also so viel wie "lauter werdend". An dieses Motto hielt man sich beim Eröffnungsabend des gleichnamigen Festivals. Zunächst gab es den musikalischen Schulterschluss zwischen dem HR-Sinfonieorchester und "Ensemble Modern" im Sendesaal des Funkhauses, bei dem die Werke der neuen "Klassiker" Iannis Xenakis und Elliott Carter denen der jungen Komponisten Vito Zuraj und Qian Shen-Ying wirkungsvoll gegenüber gestellt wurden. Im LAB-Konzertsaal im Gallus wurde es dann richtig "crescendo". Die HR-Bigband zeigte souveränen Umgang mit Neuer Musik, der auch ein gutes Maß an Improvisation (Christian Jaksö) und Jazz (die beiden Uraufführungen von Örjan Fahlström und Christian Lindberg) beigefügt war. Insbesondere Lindberg, der sein eigenes Werk dirigierte, geriet dabei so in Extase, dass er sogar das Pult mitsamt den Noten umwarf. Dem grandiosen dynamischen Spannungsbogen in "Trookh in memoriam" tat dies jedoch keinen Abbruch. Zumal man in diesem Metier das Improvisieren gewohnt ist.
Ge

• • •

28.11.2011, Darmstädter Echo
Beifall für die Frühstücksbretter

Neue Musik: Das Festival „cresc.“ lockt mit Qualität ein großes Publikum in Darmstadt und Frankfurt – In der Böllenfalltor-Halle sitzen die Zuhörer mitten im Klanggeschehen
So plötzlich, wie der Nebenmann angefangen hat zu geigen, so plötzlich hört er auch wieder auf. Drei Reihen weiter hinten bearbeitet sein Kollege eine Rassel; eigentlich spielt er Flöte. Das Publikum am Samstag in der Darmstädter Böllenfalltorhalle ist mittendrin statt nur dabei, wenn das Orchester „Terretektorh“ von Iannis Xenakis (1922–2001) gibt. Lange Zeit genügt dem Komponisten ein einziger Ton, später kommen Pfeifen und Peitschen dazu, um die Wirkung eines mit dem Publikum durchmischten Ensembles zu verstärken. Xenakis’ Werke sowie seine Ideen von Musik und Raum prägen das Neue-Musik-Festival „cresc.“, das am Wochenende zu ersten Mal in Darmstadt und Frankfurt ausgerichtet wurde.
Thomas Schäfer, Direktor des Internationalen Musikinstituts in Darmstadt, durfte sich darüber freuen, dass eines der beiden Darmstädter Konzerte der Biennale die wichtigsten Beiträge zu diesem Thema vereinte. Neben „Terretektorh“ spielten das Ensemble Modern und das HR-Sinfonieorchester nämlich auch Karlheinz Stockhausens „Gruppen“ für drei Orchester. Diese werfen sich in der Böllenfalltorhalle Töne und Klangbündel zu, machen gemeinsame Sache oder ihr eigenes Ding.
Mit diesen Musikgeschichte gewordenen, aber fast nie aufgeführten Versuchen, das schlichte Gegenüber von Interpret und Zuhörer zu durchbrechen, hat man 800 Besucher in die Sporthalle gelockt, wie der HR mitteilt. Freilich ist selbst diese Halle um einiges zu klein. Xenakis wollte, dass alle Zuhörer zwischen den Musikern Platz haben, wie eine wuselige Skizze belegt, die derzeit bei einer Ausstellung im Frankfurter HR-Gebäude zu sehen ist. In Darmstadt müssen die meisten Besucher auf einer Tribüne nebenan Platz nehmen. Das schafft Abstand und Übersicht: Die räumliche Verteilung und Staffelung von Schallereignissen wirkt in Zeiten von Dolby Surround nicht halb so faszinierend wie noch in den Fünfzigern und Sechzigern.
Den meisten Applaus in Darmstadt bekommt ausgerechnet Thierry de Meys „Musique de tables“: Drei Frauen machen darin Schlagwerk-Kunst auf einer Art Frühstücksbrettern. Raum spielt keine Rolle.
Dass die Organisation von Klang und Raum längst andere Wege geht, zeigt sich am selben Abend im gut besuchten Darmstädter 603qm. Improvisation und elektronisch intensivierte Werkstücke von Xenakis betten in Reinhold Friedls „Xenakis[a]live“ einen ganz eigenen klangräumlichen Effekt ein: Er entsteht durch die Wechselwirkung von Einzelaktionen und undurchhörbarem Gesamtsound. Mit der Ankündigung, die Gruppe „zeitkratzer“ biete eine „Klangschocktherapie“, haben die Veranstalter nicht zu viel versprochen. Mehr als eine halbe Stunde lang bildet ein Donnergrollen von neun Instrumenten den Untergrund; darüber wechseln Tempo, Dynamik, Soli und Kleingruppen, bevor der Lärmpegel einer Startbahn die Ohren zufliegen lässt. „cresc.“ steht nun einmal für zunehmende Lautstärke.
Im Vergleich erscheinen Aufführungen von Xenakis oder Stockhausen als pure Nostalgie. Mitreißender als deren Konzepte sind aus heutiger Sicht die enormen Leistungen der Musiker. In der Böllenfalltorhalle halten die Dirigenten Matthias Pintscher, Lucas Vis und Paul Fitzsimon die Konstrukte zusammen.
Vor die Grundidee Raum und Klang schiebt sich auch beim Frankfurter Konzert am selben Tag ein anderer Aspekt. Hier brilliert das von Susanna Mälkki geleitete Ensemble Intercontemporain in Michael Jarrells „La chambre aux échos“, einem Konzert für Orchester. An Altmeister Edgar Varèse fällt vor allem auf, das seine Kammermusik „Octandre“ auch nach bald 90 Jahren geradezu biestig modern klingt, an Biennale-Leitfigur Xenakis, dass er ein anderes Uralt-Thema der Musik originell behandelt hat: Sein „Échange“ für Bassklarinette und 13 Musiker zeigt Konzertieren als lustvolles Mit- und Gegeneinander.
Den Raum mit Witz füllt Georges Aperghis im „Pièce pour douze“, wo die tiefen Bläser herrschen. An allen Ecken schnaubt, brummt und grunzt es. Eine lustige Doppelkadenz der Hörner steht für Übermut, der ein gutes Stück wegführt von Xenakis’ Vorstellung einer mathematisch bestimmten Klangarchitektur. Womöglich führt dieser Weg ja weiter.
Christian Knatz

• • •

28.11.2011, Darmstädter Echo
Von allen Seiten Töne:

Festival-Auftakt in Frankfurt
Mit „Alax“ aus dem Jahr 1985 kommt eine der avanciertesten Arbeiten von Iannis Xenakis wieder zur Aufführung. Sie beginnt mit der akustischen Erkundung des nicht eben kleinen Sendesaals im Hessischen Rundfunk – und der wiederum ist ausgesprochen gut besetzt. Keineswegs nur auf der Bühne sitzen die Musiker, sondern auch im Raum verteilt. Drei identisch besetzte Nonette sind zu hören. Ruf und Antwort folgen bis hin zum vielstimmigen Finale, wenn die drei Ensembles zu einer gemeinsamen Sprache finden. „Es gibt kein Argument dafür, dass der Klang nur aus einer Richtung kommen sollte“, sagte Xenakis damals. „Der normale Konzertbetrieb, bei dem die Musik nur von vorne kommt, ist nur eine Möglichkeit unter vielen.“
Mit diesem Klassiker begann das dreitägige Festival, und auch die folgenden drei Arbeiten spielten mit dem Klang im Raum. Elliot Carter etwa in seiner luziden „Symphony of Three Orchestras“ (1976) oder der junge Chinese Shen-Ying Qian ( geboren 1985), der eine kurze Komposition vorstellte, durch die mit viel Melos der Yang-tse fließt. Zuvor aber geriet der ganze Saal in Bewegung durch eine kecke Arbeit des slowakischen Rihm-Schülers Vito Zuraj (Jahrgang 1979). Ähnlich wie die Kollegen verteilt er seine Musiker im Raum, aber hier versammelte sich eine fast unüberschaubare Phalanx aus Musikern von Ensemble Modern, Ensemble Modern Akademie und Sinfonieorchester, deren Wirken zusammengehalten wird von dem emsigen Johannes Kalitzke. Zwanzig kurzweilige Minuten, in denen sich viele Assoziationen einstellen, nur nicht die von Zuraj gewünschte: Sein „Changeover“ (Seitenwechsel) soll vom Tennisspiel inspiriert sein.
Ausdrücklich auf das Werk von Xenakis beziehen sich auch die Arbeiten von Örjan Fahlström, Christian Jaksjoe und Christian Lindberg, die im Anschluss im LAB in der Schmidtstraße zu hören waren. Die Musiker der HR-Bigband erweisen sich auf diesem nicht eben alltäglichen Terrain als sattelfest: filigran, wo gewünscht, und mit sattem Klang, wenn nötig.
grd

• • •

27.11.2011, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Donner über dem Abgrund

Eröffnung der ersten Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein-Main
Unter welchen Bedingungen kann die Äußerung eines Einzelnen Resonanz finden? Im griechischen Widerstandskampf der frühen vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts drängte diese Frage den jungen Ingenieur Iannis Xenakis zur Beschäftigung mit den Theorien von Wahrscheinlichkeit, Chaos und Spiel, die er später zur Grundlage seines Komponierens erklärte.

Xenakis steht im Mittelpunkt der ersten Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein-Main, die am Freitag im Foyer des Frankfurter hr-Sendesaals mit dem Symposion "Xenakisperspektiven" begann und heute zu Ende geht. Auf dem Symposion zeigte Peter Hoffmann die Formkraft in Xenakis' Musik als reine Berechnung, während Michael Rebhahn ein Porträtfoto der Behandlung durch das frei erhältliche, auf Xenakis zurückgehende Kompositionsprogramm "IanniX" unterzog.

Wer weder dies noch - später am Abend im Frankfurt Lab - Christian Lindbergs Interpretation von Xenakis' "Keren" für Posaune solo im emphatischen Sinne als Musik empfinden konnte, litt vielleicht nur an der fortgeschrittenen Stunde, zu der man auch die Uraufführungen von Christian Jaksjøs "They will be buried by laughter" und Örjan Fahlströms "Meditation over a luminous mind" durch die hr-Bigband unter Fahlströms Leitung als reich an klanglichen Klischees, aber arm an Binnenspannung empfand. Wem es so ging, der ließ sich auch bei Lindbergs "Troorkh in memoriam", dessen Uraufführung der Komponist mit notenpultumstoßender Energie leitete, allenfalls von den auseinanderdriftenden Cluster-Formationen ansprechen. Oder stand all dies nur im Schatten des vorangegangenen Eröffnungskonzerts im Sendesaal?

Zu Ende gegangen war es mit Elliott Carters "A symphony of three orchestras" (1976), zuvor hatte es zwei Uraufführungen von Werken umfasst, die aus dem Internationalen Kompositionsseminar der Ensemble Modern Akademie hervorgegangen sind und sich dem Umgang mit verschiedenen im Raum verteilten Klanggruppen widmeten. In "Changeover", einem Werk des tennisbegeisterten Vito Zuraj aus Slowenien, entsprachen das auf der Hauptbühne aufgestellte große Orchester und vier im Raum verteilte Instrumentengruppen den Seiten eines imaginierten Spielfeldes mit dramatischen Dialogen. In "Padma" von Qian Shen-Ying aus China entfalteten sich zwischen dem oft kammermusikalisch behandelten Orchester und dem über drei Standorte im Raum verteilten Ensemble vielfarbige, vierdimensional bewegte Klangbilder.

Zum Dirigat von Xenakis' "Alax" (1985) für drei Ensembles gleicher Besetzung stand Johannes Kalitzke mitten im Raum. Die Ensembles spielten von der Hauptbühne und den beiden hinteren Ecken des Raumes aus. Die durch den räumlichen Abstand bedingten zeitlichen Verschiebungen verstärkten die Wirkung der sich gegeneinander schiebenden Unisoni als beklemmendes, schließlich kathartisches Psychodrama.

Seine Dankrede an die vereinten Kräfte aus dem Umkreis von Ensemble Modern und Hessischem Rundfunk, Internationalem Musikinstitut Darmstadt und Frankfurter Musikhochschule hatte Staatssekretär Ingmar Jung mit einem Zitat von Xenakis beschlossen: "Der Hörer muss gepackt und, ob er will oder nicht, in die Flugbahnen der Klänge hineingezogen werden. Der sinnliche Schock muss ebenso eindringlich werden wie der Schlag des Donners oder der Blick in einen bodenlosen Abgrund." So war es.
Elisabeth Risch

• • •

29.9.2011, Frankfurter Neue Presse
Neues Festival mit Neuer Musik

Frankfurts "Ensemble Modern" und das hr-Sinfonieorchester tun sich mit anderen Musikern zu einer Biennale zusammen. Sie nennt sich "Cresc." wie "Crescendo".
Wo es Neue Musik gibt, da ist Frankfurts Ensemble Modern zur Stelle. So auch beim ersten Festival "Cresc.", das im November startet. Im Mittelpunkt der acht geplanten Konzerte, die in Frankfurt und Darmstadt stattfinden, steht der griechische Komponist und Architekt Iannis Xenakis, der 1922 geboren wurde und vor zehn Jahren (2001) starb. Das Festival nennt sich "Cresc.", als Abkürzung für Crescendo (Ansteigende Lautstärke) und ist ein Schulterschluss zwischen dem hr-Sinfonieorchester und dem Ensemble Modern. Beide Orchester werden denn auch gemeinsam mit der Internationalen Ensemble Modern Akademie das Eröffnungskonzert am 25. November im Sendesaal des Frankfurter Funkhauses am Dornbusch gestalten.

Fachleute im Gespräch
Neben Xenakis’ Werk "Alax" für drei Ensembles gibt es Elliott Carters "Symphony of three Orchestras" sowie einen "Dialogue of Dream" von Qian Shen-Ying zu hören. Zweiter Konzertort in Frankfurt ist das "LAB", die frühere "Kommunikationsfabrik" in der Schmidtstraße (Gallusviertel), wo am späten Abend des 25. November die HR-Bigband zeitgenössischen Jazz anbieten wird. Die Biennale hält aber nicht nur die pure Musik parat. Wer mehr über den gerade mit seinem Spätwerk hoch angesehenen Xenakis erfahren will, kann an den beiden Symposien teilnehmen, die am 25. und 26. November jeweils im Foyer des Sendesaals mit Fachleuten stattfinden. In der Goldhalle des Funkhauses wird schließlich vom 24. November bis zum 1. Dezember die Ausstellung "Iannis Xenakis – Architektur und Musik" gezeigt.

Bei der Vorstellung der Biennale auf einer Pressekonferenz in Frankfurt waren sich die Vertreter des Rundfunks und des Ensemble Modern einig: Frankfurt ist eine Stadt mit großer Tradition, was zeitgenössische Musik angeht. "Seit 1924 gab es bei unserem Sinfonieorchester immer wieder Uraufführungen, von Schönberg über Bartok und Webern bis zu Lachenmann und Widmann", blätterte HR-Musikchefin Andrea Zietzschmann gedanklich in der Chronik. Und Herbert Beck, langjähriger Leiter des Städel-Museums und nun Geschäftsführer des das Festival unterstützenden Kulturfonds Frankfurt RheinMain, blies in das selbe Horn: "Seit Jahrhunderten ist die Moderne in Frankfurt zu Hause, das brachte schon die zentrale Lage in Europa mit sich".

Jedermann beim Konzert
Für Musikchefin Zietzschmann ist es aber auch wichtig, "dass wir kein Festival für ein Spezialpublikum machen wollen". Jedermann solle bei der Biennale sein Konzert finden. Zur Auswahl stehen dabei noch der Auftritt des Ensemble Intercontemporain am Nachmittag des 26. November (unter anderem mit Werken von Varese), sowie der des IEMA-Ensembles in der "LAB"-Halle (mit Werken von Berio und Pintscher). Das Abschlusskonzert ist am 27. November wieder im Sendesaal. Das "Ensemble Modern" wird dabei sechs Uraufführungen vorstellen.

Wem die Konzerte in Frankfurt nicht ausreichen, der kann nach Darmstadt fahren. In der Böllenfalltorhalle gastieren am 26. November abends das HR-Sinfonieorchester und das Ensemble Modern gemeinsam. Und in dem Darmstädter Techno-Tempel "603qm" wird unter dem Motto "Xenakis(a)live!" am selben Abend ein Live-Video vorgestellt.
Quelle

• • •

29.9.2011, Darmstädter Echo
Drei Tage für die Neue Musik

Kulturregion: Ende November wird in Darmstadt und Frankfurt erstmals die Biennale „cresc.“ veranstaltet
[...]

Ausgesprochen wird die „Biennale für Moderne Musik Frankfurt Rhein Main“, so der Untertitel, „kresch“; das klingt nach Crash und hat in Krisenzeiten gerade an einem Finanzplatz einen eher unschönen Klang. Die Doppeldeutigkeit habe man bei der Namensfindung mitgedacht, versichern die Veranstalter bei der Vorstellung des Festivals in Frankfurt. Doch neben Ironie offenbart sich ein Anspruch: „cresc.“ ist die abgekürzte musikalische Vortragsbezeichnung für zunehmende Lautstärke; und für Dynamik, wieder ein Doppelsinn, soll der Name auch stehen. Vor allem gehe es um die Zusammenarbeit regionaler Kulturträger, erklärt Herbert Beck. Der Geschäftsführer des Kulturfonds Frankfurt Rhein Main hatte im Frühjahr 2010 nicht nur die Idee, Institutionen auf dem Sektor der Neuen Musik zusammenzubringen. Seine Organisation steuerte auch gleich das Geld für die Anschubfinanzierung einer alle zwei Jahre vorgesehenen Reihe bei, die gleich zwei Veranstalter hat: den Hessischen Rundfunk mit seinem Orchester und seiner Bigband und das ebenfalls in Frankfurt ansässige Ensemble Modern mit seinem Nachwuchs-Ast „Internationale Ensemble Modern Akademie“ (IEMA).

Hinzu kommen als Partner die Frankfurter Musikhochschule, die für Erläuterungen jeweils 45 Minuten vor den Konzerten sorgen soll, und das Internationale Musikinstitut Darmstadt. Dessen Direktor Thomas Schäfer bezeichnet sich als Programmkurator von „cresc.“, und gleich für dessen erste Auflage hat er einen starken Darmstädter Akzent gesetzt.
Iannis Xenakis nämlich gehörte zu den prägenden Figuren der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik. Seinem Werk widmen sich bei der Biennale unter anderem das Ensemble Modern und das Ensemble Intercontemporain, zwei der weltweit führenden Spezialisten-Klangkörper für Neue Musik. Xenakis „Terretektorh“ etwa soll am 26. November ab 19 Uhr in der Darmstädter Böllenfalltorhalle einen Eindruck von Raumklangkompositonen geben und davon, wie der Künstler Mathematik mit Sinnlichkeit vereinen wollte. Mehr ist am 25. und 26. November bei einem Symposium im HR-Sendesaal zu erfahren und bei der Ausstellung „Iannis Xenakis – Architektur und Musik“, die vom 24. November bis 1. Dezember am selben Ort gezeigt wird.

Zur Frankfurter Dominanz der „cresc.“-Veranstaltungen sagt Thomas Schäfer dem ECHO, ihm sei wichtig, dass einer von drei Festival-Tagen seinen Schwerpunkt in Darmstadt habe. Roland Diry, Geschäftsführer des Ensemble Modern, hofft gar auf eine künftige Zusammenarbeit von „cresc.“ mit dem Staatstheater Darmstadt. Wichtiger noch als der regionale Bezug sei die Ausstrahlung, sagt Kulturfonds-Manager Beck: „Ziel ist ein Festival, das international Aufmerksamkeit bekommt.“ 2012 will man einen Tag länger mit der Verbindung von Musik und Bild (Film, Video) dafür sorgen; auch für 2015 plant man schon, ohne Gewissheit über die Finanzierung zu haben. Noch sei nicht einmal die bei der IEMA eingerichtete Koordinatoren-Stelle für das Festival über das Jahr hinaus gesichert, erklärt HR-Musikchefin Andrea Zietzschmann dem ECHO.
Für diesmal verrät Roland Diry nur so viel: „Pro Konzert sind es Kosten von ungefähr 30 000 Euro im Schnitt“; bei acht Konzerten kommt knapp eine Viertelmillion zusammen. Neben der Öffentlichen Hand beteiligt sich die Allianz Kulturstiftung, die einen Wettbewerb bezahlt: Acht Komponisten zwischen 35 und 40 Jahren schreiben ihre Ideen zum Biennale-Thema „Musik und Raum“ auf.

Weitere Sponsoren seien willkommen, sagt Zietzschmann, aber einstweilen müssen es die Zuhörer richten. Man rechne mit 70 bis 80 Prozent Auslastung der Konzerte, für die zwischen zwölf und 20 Euro bezahlt werden müssen. 75 Euro kostet der „Festivalpass“ für alle Veranstaltungen.

Wie aber wollen die „cresc.“-Macher den Graben überwinden, der sich noch immer zwischen vielen Konzertgängern und Neuer Musik auftut, zumal eins der Konzerte als „Klangschocktherapie“ angekündigt wird? Roland Diry versichert: „Es soll keine Veranstaltung für Spezialisten werden und kein Uraufführungs-Festival.“ Thomas Schäfer glaubt an die Überzeugungskraft ungebrochen neuer Musik: „Das reißt unmittelbar mit.“ Sein Rat an bislang Außenstehende: „Einfach mal vorbeikommen.“
Christian Knaz / Quelle

LogoLogoLogo
201125.–27. November 

© cresc biennale 2011